Schule für schüchterne Männer und Frauen

Während meiner Schulzeit gehörte ich nie zu den coolen Typen. Beim Flirten hatte ich einfach nichts verloren. Man hätte mir schnell klar gemacht, wo ich hin gehöre, wenn ich es versucht hätte. Und man muss Mobbing ja auch nicht unbedingt provozieren. Also verhielt ich mich lieber still und blieb im Hintergrund.

Die Schule war irgendwann vorbei, aber das Rollenbild klebte noch an mir. Es war inzwischen ein inneres Verbot. Ein gut gemeintes zwar, ein Selbstschutz vor möglichen bösen Strafen. Aber eben ein riesiger Hemmschuh. Wie werde ich ihn los? Wo kann ich die innere Erlaubnis bekommen, endlich auch mitzuspielen? Ich hab in der Zeit damals viel an mir gearbeitet, viel nachgedacht, mit Leuten geredet. Das war mühsam und lange Zeit nicht sehr erfolgreich.

Irgendwann ergab sich dann doch die Gelegenheit. Ich konnte die praktische Erfahrung machen, dass meine sinnliche Nähe von einer Frau als schön und angenehm empfunden wurde. Das war ein Meilenstein! Ganz langsam konnte ich es wirklich, wirklich glauben und begreifen. Ab da änderte sich nach und nach alles. Diese echte positive Erfahrung mit einer Frau hatte ich gebraucht.


Heute suche ich nach Möglichkeiten für ABs, genau solche Rückmeldungen und Erfahrungen von und mit Frauen zu bekommen. Ich selbst kann ja als Coach mit Klienten reden. Ich kann Informationen vermitteln, Rollenbilder klären, Rückmeldungen aus Sicht eines Mannes geben, der nicht mehr AB ist. Das ist ein guter Anfang. Aber ich kann eben nicht direkt erlebbar machen, wie es ist, sich einer Frau zu nähern und nah zu sein.

Vor kurzem erschien in der Süddeutschen Zeitung ein großer Artikel über ABs. Darin wurde eine Schule für schüchterne Menschen in Berlin erwähnt. Als ich das las, war ich sofort hellwach. Ich hab gegoogelt und auch gleich Kontakt aufgenommen. Ich hatte ein langes, sehr schönes Skype-Gespräch mit Joy, und was sie mir erzählt hat, klang für mich überzeugend: Herangehensweise, innere Haltung, Erfahrung, genau so würde ich das auch stricken, wenn ich könnte!

Das Team bei dieser Schule bietet auch ’normale‘ Coachings an. Sie geben direkte Rückmeldungen: ‚Wie erlebe ich dich als Mann/Frau grade? Was würde ich mir von dir wünschen? Was passiert grade?‘
Sie bieten aber auch die Möglichkeit, so weit sich das für den Klienten richtig anfühlt, wirklich in Kontakt zu gehen. Zu berühren, zu kuscheln, vielleicht auch zu küssen. Sinnlichkeit ist erlaubt und willkommen.
Klienten können Massagen buchen, um sinnliche Berührungen zu erleben. Sie können lernen, selbst sinnliche Massagen zu geben. Und wenn jemand weit weg wohnt, gibt es auch die Möglichkeit von Intensiv-Tagen.

Ich glaube nicht, dass es irgendwo ein einzelnes Angebot gibt, das für alle ABs alle Probleme löst. Aber die meisten meiner Klienten haben ihr Leben ganz gut im Griff. Nur wenn es auf die sinnliche Ebene gehen soll, ist da diese Hürde. Und genau da kann das, was Joy erzählt hat, ein echter Gamechanger sein.

Es wird danach immer noch eine Herausforderung sein, in sinnliche Real-World-Kontakte zu gehen. Das bleibt auch so, egal wie viel Erfahrung man hat. Aber es wird viel leichter, wenn man sich selbst schon mal als sinnliches Wesen im Kontakt erlebt hat. Wenn man sozusagen die offizielle Erlaubnis hat, mitzuspielen…