AB-Mythos 2: „Küchenpsychologie hilft“

Sätze, die einem AB nicht helfen
Wenn ein AB sich traut, sich zu outen, erntet er oder sie leider oft Reaktionen, die wenig hilfreich sind. Hier eine kleine Auswahl:

•  „Nur Geduld, das wird schon noch. Auf jeden Topf passt ein Deckel. Du musst nur genug Frösche küssen!“
Natürlich erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, einen Partner zu finden, wenn man auch Menschen begegnet. Viele ABs haben aber jede Menge Kontakte mit Menschen. Und viele ABs versuchen ihr Glück wieder und wieder, und bekommen wieder und wieder einen Korb. Wenn das zehn, zwanzig Jahre so gelaufen ist, dann ist das weder Pech noch Schicksal, dann gibt es dafür einen Grund. So lange der im Dunkeln liegt, macht es wenig Sinn, sich immer wieder eine blutige Nase zu holen. Das nagt sonst auf Dauer am Selbstwert.

Besser ist es, das eigene Kommunikationsmuster zu verstehen. Wie liefen die bisherigen Begegnungen ab? An welcher Stelle ging es nicht weiter? Was machen andere Menschen anders? Welche Regeln haben wir überhaupt in unserer Gesellschaft in Sachen Flirten oder Rollenverteilung?

Wenn das geklärt ist, geht es ans Üben. Und zwar beim Flirten nicht nur mit besonders interessanten Menschen. Üben kann man unverbindlich am besten da, wo man wenig zu verlieren hat. Dann hat man’s drauf, wenn der passende Deckel auftaucht.

•  „Du bist einfach zu anspruchsvoll!“
‚Schönheit liegt im Auge des Betrachters.‘ Dieses Auge ist aber selten völlig unvorbelastet. Es gibt in unserer Gesellschaft so etwas wie allgemeingültige Normen über Attraktivität. Die Summe aus Aussehen, Ausstrahlung, Auftreten, Erfolg, Macht und so weiter ergeben einen groben Wert auf einer unsichtbaren Skala. Die meisten Menschen wissen aus Erfahrung, in welcher Liga sie spielen. Und in den allermeisten Fällen finden Paare zusammen, die in etwa als ähnlich attraktiv gelten.
Bei ABs ist das komplexer. Einerseits haben sie beim Flirten sehr wenig positive Rückmeldungen bekommen und leben in einem Tabubereich. Andererseits sehen sie vielleicht gut aus, sind kommunikativ und erfolgreich. Wo also einsortieren?

Eine Orientierung könnte sein: was wäre etwa meine Klasse, wenn ich nicht AB wäre? Weit über den eigenen Verhältnissen zu suchen verspricht wenig Erfolg. Die eigenen Ansprüche zu weit runter schrauben ist aber auch nicht gut für’s Selbstwertgefühl. Und es löst auch nicht das Problem. Bei weniger attraktiven Menschen sind ABs ja auch nicht erfolgreicher. Meist gibt es einen Grund, weshalb das Flirten bisher nicht funktioniert hat. Und der liegt selten an zu hohen Ansprüchen der ABs an den potenziellen Partner.

•  „Du siehst doch ganz gut aus!“
Das ist eigentlich eine einigermaßen positive Rückmeldung. Sie führt aber zu der Frage: ‚Warum will mich dann niemand?‘ Wie bereits schon erwähnt – Attraktivität ist die Summe aus verschiedenen Faktoren. Das Aussehen alleine genügt nicht, wenn es woanders klemmt.

•  „Du musst dich einfach locker machen!“
Das ist zwar goldrichtig. Die Preisfrage ist aber, wie das geht. Für einen AB, dem naturgemäß die Erfolge noch fehlen, ist das erst recht nicht leicht. Wie kann man also locker werden?
Zum Beispiel indem man schaut, wie man Teilerfolge erreichen kann. Schaffe ich es, ein Lächeln in der U-Bahn zu bekommen? Falls ja: erst mal weitere Erfolge sammeln und genießen, bis das ganz einfach wird. Der nächste Lernschritt kommt erst danach. Zum Beispiel ins Gespräch kommen. Oder sich bei einer Kuschelparty an Berührungen gewöhnen. Locker ist man dann, wenn man weiß, dass man das kann, was grade gebraucht wird.

•  „Wenn du wirklich wollen würdest…“
Therapeuten formulieren das eher als Frage: ‚Welchen Nutzen bringt dir deine Zurückhaltung?‘ Gemeint ist bei beiden Aussagen, dass der AB den Erfolg selbst sabotiert. Und manchmal steckt tatsächlich ein Körnchen Wahrheit drin, nur ist das nicht AB-spezifisch. Es gibt meist tatsächlich innere Persönlichkeitsanteile, die eine Kontaktaufnahme eher behindern. Vielleicht weil sie vor weiteren Demütigungen schützen wollen. Das kann sich zum Beispiel so äußern, dass an jedem potenziellen Partner schnell ein Fehler gesucht und gefunden wird. Die ’saure Trauben-Methode‘. Gleichzeitig sehnen sich andere innere Anteile vielleicht verzweifelt nach Nähe oder Bestätigung oder Sex oder Liebe. Es kann ein zähes Ringen sein zwischen Sehnsucht und Selbstschutz, nicht nur bei ABs. Wir alle wären sonst nicht so aufgeregt beim Flirten. Im Zweifel ist die eigene Würde wichtiger als eine Eroberung. Das gilt um so mehr, wenn die bisherigen Erfahrungen nicht positiv waren. Es hilft also nicht, von außen zu drängeln oder Vorwürfe zu machen. Besser ist es, ein Vorgehen zu finden, bei dem keine Demütigung droht.