AB-Mythos 1: „AB zu sein ist ungewöhnlich“

Die allgemeine Vorstellung in der Gesellschaft ist etwa folgende:
Menschen beginnen irgendwann ab 15, spätestens mit 20 Jahren mit Sex und haben Beziehungen. Punkt. Klar gibt es ein paar Exoten, bei denen das nicht so läuft, und da taucht vor dem inneren Auge oft so etwas wie der Glöckner von Notre Dame auf. Oder vielleicht ein alter Mönch.

Erwähne ich in Gesprächen meine Arbeit mit ABs, ernte ich meist großes Erstaunen. Dann liefere ich die Zahlen, die für Deutschland verfügbar sind:

  • Anteil der Männer zwischen 20 u. 35, die noch keinen Sex hatten ca. 6 %
  • Anteil der Frauen zwischen 20 u. 35 , die noch keinen Sex hatten ca. 4 %
    (lt. Umfrage ‚Neon‘ von 12/2008)

Wenn man auch die Menschen mit dazu nimmt, die an ein, zwei Erfahrungen mit Küssen oder Sex nie mehr anknüpfen konnten, sind es nochmal deutlich mehr Betroffene. Gehen wir mal vorsichtig von 7 % der erwachsenen Bevölkerung aus, dann wären das mehr als 4 Millionen ABs!

Nur mal zum Vergleich:

  • Menschen über 20, die sich als homo- oder bisexuell bezeichnen: ca. 7 %
    (lt. Eurogay-Studie „Schwules Leben in Deutschland“ 2001)
  • Anteil der Menschen, die einmal eine Blinddarm-Entzündung erleiden ca. 7 %
  • Menschen mit natürlich roten Haaren in Deutschland ca. 2 %
  • Menschen, die aktuell in Deutschland in Chören singen ca. 2%

Es ist also viel wahrscheinlicher, AB zu sein, als z.B. rote Haare zu haben!

Natürlich gibt es Menschen, die es besonders schwer haben auf dem Partnerschafts-Markt. Eine schwere Behinderung z.B. macht es oft nicht grade leichter, in Kontakt zu kommen. Und dennoch: fast jeder Mensch kennt mindestens eine Person in der erweiterten Familie oder im Bekanntenkreis, die immer alleine oder mit Kumpels aufgetaucht ist, nie mit Partner oder Partnerin. Wahrscheinlich wirkt diese Person aber so normal, dass sich nie jemand ernsthaft Gedanken über ihren Beziehungsstatus gemacht hat. ‚Er / Sie wird schon seine/ihre Gründe haben. Ist halt eher ruhig. Möchte sich einfach nicht festlegen‘. Und so weiter.

Fazit: Es ist überhaupt nicht ungewöhnlich, AB zu sein. Ungewöhnlich ist nur, dass das fast niemand weiß. Höchste Zeit also, dass drüber gesprochen wird. Wolfram Huke (‚love alien‘) hat das als Betroffener kurzerhand selbst übernommen und einen Film darüber gedreht. Er sagt, das Reden über seine Situation wäre vielleicht der entscheidende Schritt gewesen, seine Ängste und seine Scham hinter sich zu lassen und eine Partnerin zu finden.